FLOWER POWER AMAZONEN
ARTWORK
Fotografie, Mittelformat, Kln 2008

TEXT von Claudia Fischer anlässlich der Ausstellung in der Galerie der Kunstakademie München 2009:

"Striptease und Freundschaft: Bianca Patricias Flower-Power-Amazonen" 

 

Für die weibliche Selbstwerdung ist die Geschichte der Geburt Aphrodites und ihrer Schwestern, der Erinnyen einer der eröffnendsten antiken Mythen. Interessant ist im Zusammenhang der Ausstellung die Einordnung der (Flower-Power-)Amazonen in diesen mythologischen Reigen aus Schönheit, Rache, Schicksal und Selbstbestimmung. Sind die Amazonen nun Aphroditen oder Erinnyen – den Göttinnen der Liebe und Schönheit oder der Rache zugehörig? 

Bianca Patricia konfrontiert den Betrachter mit Fotografien von bizarr inszenierten Großstadtamazonen, deren kämpferischer Habitus durch Blumenbewaffnung und Spitzendessous sowohl konterkariert als auch verschärft wird. Es sind die Töchter der Blumenkinder, die hier mit Blumen um sich schlagen und es liegt der Verdacht nahe, dass es sich dabei um einen rituellen Wutausbruch handeln könnte, welcher auf das subtile Scheitern des Love & Peace Projektes zielt. Wird dessen Scheitern in inszenierter Ekstase sowohl gerächt als auch gefeiert? Wird hier nicht bewusst die weibliche Schönheit als Mittel zur Rache instrumentalisiert, wie es unbewusst ohnehin überall passiert? Und wird sie nicht so geschickt inszeniert, dass es zum Schluss so aussieht, als würde diese Schönheit um ihrer selbst Willen glänzen?

 

Die Flower-Power-Amazonen bekämpfen einander im wahrsten Sinne durch die Blume – wie man noch sehen wird -  in einem wilden bunten Reigen vordergründiger Selbstgenügsamkeit: Jede gegen jede – die autonome Weiblichkeit rächt sich gleichsam an sich selbst. 

Dieses autoerotisch-zerstörerische Ritual könnte nun ohne weiteres als bloß maliziöser Zirkel wahrgenommen werden, aus dem es kein Entrinnen gibt und der – Stutenbissigkeit forever! – keine Differenz und Vermittlung mehr zulässt  im Hass der immer schon singulären Aphrodite und der vielen neid- und rachsüchtigen Anderen, der Erinnyen. Viele weiblichen Selbst- und Weltverhältnisse bewegen sich zunächst und einzig allein in solchen Ausschlusswahrnehmungen. 

Es ist aber auch durchaus denkbar, sich auf das Rauschhafte und Entfesselte in den Fotografien einzulassen. Vielleicht erzählt der Mythos nämlich gerade nicht die Festschreibung des unerlösten Status Quo weiblicher Genese, sondern ein verwandelndes Zur-Sprache- und darin Zur-Welt-Kommen einer schmerzhaften Grundfrage: Auf was soll ich mich beziehen – auf die Potenz meiner schöpferischen Möglichkeiten oder auf das genealogische Opfer, das ich immer gewesen sein werde? 

Immerhin ist es der Phallus ihres Vaters, aus dessen spektakulärem Sturz ins Meer Aphrodite geboren wird. Und es sind die Blutstropfen der grausigen Entmannung eben dieses Vaters Uranos, aus denen die Erinnyen entstehen. Wie aber die eigene Schönheit feiern, angesichts des väterlichen Opfers? Aphrodite beendet in gewisser Weise die Kastrationsgeschichte ihres Vaters. Für sie ist der Phallus nicht immer schon das zu Opfernde, aus einer eruptiven Angst gegenüber der Bedrängnis eines Ganz-Anderen. Aphrodite hat selbst am Phallischen Anteil. Da sie den Phallus selbst verkörpert, kann sie ihn den Männern auch lassen. Dies ist wohl eines ihrer großen Geheimnisse: Dass sie als Potenz des Vaters erblüht und umgekehrt ebenso die Potenz des Vaters in ihr erblüht - mit unabsehbaren und bis heute wirksamen aber zugleich unbegriffenen Folgen für die Geschlechterverhältnisse. Das Geheimnis sagt auch, dass Aphrodite von der Erbschuld mythisch erlöst ist und in schöpferischer Anverwandlung und Neugeburt der Vergangenheit erst wirklich zur Göttin der Schönheit wird und werden kann.

Aphrodite verweigert sich den (ewigen) Schuld- und Schuldselbstzuweisungen. Sie ist schön um ihrer selbst willen, nicht um Schuld(en) zu begleichen. Ihre rächenden Schwestern haben es da – so scheint es wenigstens - schwerer. Den Erinnyen muss erst Athene erscheinen, die ihre Rachegeschichte erzählend und anerkennend zu verwandeln weiß – erst durch eine Anerkenntnis ihres schmerzlichen Schicksals – so erzählt es der Mythos -  können sich die Erinnyen in Eumeniden, in milde Fürsprecherinnen der Gunst und des gegönnten Lebens verwandeln.

 

Was aber hat all dies mit den gezeigten Arbeiten zu tun? Sind Bianca Patricias Flower-Power-Amazonen nun Aphroditen oder Erinnyen? Oder bleibt ihr Bezug ambivalent? 

Wir sehen auf den Bildern Exaltiertheit und Abgrenzung, Lust und Zerstörung, Schönheit und Kampfbereitschaft, Blühen und Vergehen. Die Flower-Power-Amazonen sind weder nur Göttinnen der Schönheit noch ausschließlich rächende Furien, sondern eben beides: Amazonen. Bianca Patricia inszeniert sie so, dass dennoch alles (k)ein Spiel ist. 

Vielleicht erfüllt sich in dieser Version der verführerischen Inszenierung Baudrillards Anspruch auf einen guten Striptease, dessen „erotisches Geheimnis“ in der „Schaffung und Aufhebung des Anderen durch Gesten [besteht], deren Langsamkeit erotisch wirkt“. Die hier gezeigte Variante der „Selbstverführung“ als eingefrorene Momentaufnahme des Kampfes der Dessous-Amazonen gegeneinander, zeigt aber auch sehr schön, wie nahe Autoerotik und Autoaggression beieinander liegen. Ohne das Bewusstsein von der eigenen phallischen, respektive aphrodisischen Präsenz gerät jeder solcher Striptease unter Frauen zum „Schauspiel der Kastration.“  Aphrodite wird ihrer Phallizität beraubt.

 

Die Amazonen auf den Fotografien bekommen Blumen zum Spielen und fangen – inszeniertermaßen - wie selbstverständlich an, sich damit zu versohlen. Als ob das schöpferische Um-seiner-selbst-Willen-Blühen nicht sein dürfte. Als ob Blumen zum Spielen nicht wahr sein dürften – gehören sie doch in die Vase oder auf’s Grab, werden zu jemands Ehren gestreut oder verschenkt, sind Schmuck und Zeugen der Zugewandtheit – aber warum denn ausgerechnet Spiel und zweckfreie Verschwendung? 

Gleichzeitig spielen die Frauen auf den Bildern aber doch gerade Verschwenden und Verhauen im großen Stil und genießen in Rage den entstandenen Verhau, über den wir Betrachter hier eher zögerlich wandeln. Spüren wir angesichts dessen nicht  auch eine Sehnsucht nach spielerischer (und dadurch autonomer) Ekstase?

 

Bereits in den antiken Mythen machen Amazonen nicht das, was die Welt gemeinhin von Frauen gewohnt ist. Sie kämpfen und jagen und nehmen sich die Männer, wann immer sie der Begattung bedürfen. Dies ist im Übrigen kein Widerspruch zu ihrer Gefolgschaft gegenüber der jungfräulichen Jagdgöttin Artemis. In der Antike waren Jungfrauen Frauen, die vor allem unabhängig von ihrer Ursprungsfamilie oder von einem Mann waren – freie, selbst bestimmte und oft gebildete Frauen, die als Priesterinnen, Hetären oder eben Amazonen lebten. Die Keuschheit richtete sich vor allem gegen die Bindungsdimension und Familiarität des Mann-Frau-Verhältnisses. Im Französischen sind sich die Worte für Jagd (chasse) und keusch (chaste) sehr ähnlich - in gewisser Weise verbinden sich die mythischen Amazonen – nicht unähnlich den zeitgenössischen Verhältnissen -  mit dem Männlichen indem sie es jagen, bekämpfen und fliehen gleichermaßen.

Während aber Kleists Penthesilea noch das Männliche - den wider das Gesetz Geliebten: Achill -  im Außen bekämpft, bekämpfen heutige Amazonen womöglich eher unbewusst und unterirdisch das Männliche ins sich selbst und in der Anderen. Insofern wäre dieser untergründige Ausstellungsort im Zwischengeschoss durchaus der therapeutische Raum der Stunde. Einige der inszenierten Frauen empfanden die ungewohnte Situation auch so. 

 

Natürlich fehlt uns zu einem Verständnis des Übergangs von den Abgrenzungskämpfen der mythologischen Amazonen zur autoaggressiven Selbstgefährdung heutiger Amazonen noch eine wichtige und tragische Schlüsselfigur der „starken Frau“: Salome. In ihr vereinen sich Verzweiflung, Lust, Rache, Schönheit, Wahnsinn und letztlich gnadenlose Autonomie. Sie ist die femme fatale absolue. Der eine fatale Augenblick genügt zur Schwindel erregenden Beschleunigung einer Schicksalsdynamik, die zwangsläufig in der Katastrophe enden muss. Der eine, fatale Augenblick: als Salome zum ersten Mal nicht mehr bloß um ihres eigenen Blühens willen angesehen wird, sondern selbst jemanden ansieht. 

Als ihr Blick von diesem (Johannes) nicht erwidert wird, verzweifelt sie an dem ungekannten Schmerz, als Sehende nicht angesehen zu werden, rast und lässt sich den Kopf des Angebeteten auf einem Silberteller bringen. In der gleichnamigen Oper von Richard Strauss küsst Salome den toten Johannes in rasender Bewegung auf den Mund und singt „und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes“. Salome opfert, aber nicht unter den Vorzeichen der Befreiung, sondern unter denen der unerhörten Liebe. Darin entgeht Salome der „autoerotischen Regression“, wodurch sie „kein Objekt des Wunsches“ mehr ist, sondern zum „Subjekt des Wunsches“ wird und sich damit „zugleich gegen die Struktur des perversen Wunsches“ stellt – hier als perverse Inszenierung der eigenen Überforderung.

 

In gewisser Weise stellen Bianca Patricias Flower-Power-Amazonen in ihrer scheinbar undramatisch absurden Inszenierung einen Tiefpunkt weiblicher Autonomie und Blüte dar. Was blüht, sind hier die Blumensträuße, die als eine Art phallischer Ersatz oder phallisches Symbol auf die Gegnerinnen geschleudert werden. 

Die Nachfolgegeneration der Blumenkinder ist gescheitert. Das ewige Blühen der Sträuße auf den Bildern sowie die tägliche Erneuerung der ausgestreuten Blüten auf dem Boden der Ausstellung manifestieren die Fetischisierung von Liebe und Freiheit in der vorangegangenen Generation, die wenig geschichts-transformatorischen Bezug auf die Ursachen von Hass, Unfreiheit und Autoritätshörigkeit in ihrer eigenen Elterngeneration nahm und sich durch die Flucht in die Ausblendung, der Konflikte nur scheinbar entledigte. In Folge des frommen Wunsches der Flower-Power-Bewegung, anders, lockerer und enthemmter zu sein als die vorangegangenen Generationen, wurde die eigene Herkunft (als Eigenes) abgelehnt und tot geschwiegen. Die schrillen Rituale der Selbstinszenierung der Hippiegeneration kaschierten die Entfremdung vom Eigenen allerdings nur sehr notdürftig.. 

Die Töchter dieser eigenbrötlerisch Individuierten, die ihre Hilflosigkeit mit Überheblichkeit überspielen, sowie ihre Überheblichkeit als Hilflosigkeit tarnen, sind zum Amazonen-striptease  geradezu verflucht. Jedoch aus Verfluchung löst Wut, genauer gesagt: gelenkte Wut. Bianca Patricia inszeniert und dokumentiert in ihren Fotografien den Tiefpunkt, an dem sich der Striptease als Faszination der (totalen) Kastration beider Geschlechter zeigt. Männer kommen in diesem Striptease, außer auf der zweiten Betrachterebene, schon gar nicht mehr vor. Die Frauen, in vermeintlich autonomer Potenz, kastrieren die Hippieideale im wilden Blumenkrieg, in dem jeder Strauß noch einmal in den Flower-Power-Abgrund  der anderen geschleudert wird.

Von dort aus, aus dem völligen Mangel, aus der bezugs- und berührungslosen Erschöpfung heraus, kann und muss der Mythos von der Geburt des Schönen noch einmal neu gehört werden – vielleicht ebenfalls als eine Art Striptease, als resonanzfähige Selbstenthüllung, welche zuletzt sogar die Kastration, wie auch die Angst davor überwindet. Eine Überwindung, die sich im Gefallen der Anderen auch selbst gefällt; die sich selbst gefällt und daraus Gefallen stiften kann. Eine derart  geläuterte Erlaubnis und Zugewandtheit zum „Um-seiner-selbst-willen-Blühen“ leistet man sich  nicht ohne weiteres, weswegen die täglich frisch gestreuten Blumen hier durchaus anamnetische Dienste leisten: Als erdgeborene Symbole weiblich erigierter Lust! Was bei solcherart Striptease herauskommt, ist nicht weniger als die beste aller Amazonen-Tugenden: die Fähigkeit zu Autonomie und Freundschaft. How amazing!!

 

Claudia Fischer

 

Jean Baudrillard: Der Symbolische Tausch und der Tod, S. 168 ebd., S.171

J. Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod, S. 171